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Begrünte Häuser und Innenräume für Ihr Wohlbefinden

Frau Prof. Dr. Korjenic erforscht innovative Baustoffe und Systeme für den ökologischen Hausbau. Sie wünscht sich mehr Grün in unseren Häusern.

Frau Prof. Dr. Korjenic ist eine engagierte Bauphysikerin, die sich für ökologischen Hausbau einsetzt, die nach innovativen Lösungen sucht, um unser Lebensumfeld so gesund wie möglich zu gestalten und unsere Umwelt zu bewahren. Wie wertvoll Pflanzen in und an unseren Häusern sind, erklärt sie im folgenden Interview.

Zuerst einmal zu Ihrem Beruf. Sie sind eine begeisterte und innovative Bauphysikerin. Für ihre Forschungen konnten Sie bereits namhafte Preise wie den Energy Globe 2x, Umweltpreis, VCE Innovationspreis für Exzellenzforschung im Ingenieurbau, Scientific Excellence Award mit Ehrenmedaille etc.  gewinnen. Woran forschen Sie mit Ihrem Team der TU Wien derzeit?

Wir erforschen zurzeit die Auswirkungen von Begrünung auf das Gebäude und das Mikroklima im urbanen Bereich. Außerdem beschäftigen wir uns mit innovativen Technologien wie Vakuumdämmung, Kühldecken, kombinierte Photovoltaik- und Begrünungsanlagen, Öko-Konstruktionen, Phase Change Materials uvm.

Ein dritter Schwerpunkt sind ökologische Baustoffe. Also Baustoffe, die während ihre gesamten Lebensdauer (Produktion + Lebensphase + Entsorgung) nur sehr wenig CO2-Emissionen verursachen. Das sind z. B. Holz, Stroh, Lehmputze, Kalkputze, Schafwolle, Baumwolle etc.

 

V.a. in stark verbauten Gebieten ist es den Kunden wichtig, so viel Natur wie möglich im und rund ums Haus zu haben.  Die Begrünung ihrer Häuser wird deshalb immer interessanter.

Angenehmen Erholungsraum im dicht verbauten Gebiet bieten Gründächer. Welche Arten gibt es (intensiv/extensiv)? Welche Vorteile bringt ein Gründach? Was muss man bei einem Gründach beachten?

Zuerst einmal muss sich der Kunde über die Bepflanzung seines Gründaches Gedanken machen. Es gibt nämlich zwei Arten von Gründächern: Die intensive Dachbegrünung für größere Pflanzen und einer höheren Substrathöhe und die extensive Dachbegrünung - hauptsächlich für Gräser und Kräuter.

Mehr Grünraum in der Stadt ist wichtig und wünschenswert, um die Lebensqualität in den Ballungsräumen auf einem guten Niveau zu halten. Staub wird gefiltert, Luftqualität verbessert, Lärm gemindert etc. In einem intensiv begrünten Innenhof haben wir im Rahmen eines Projektes in windstillen warmen Sommernächten um bis zu 5°C niedrigere Temperatur gemessen. Im Vergleich zu nicht begrünten Innenhöfen, die sehr ähnlich sind und fast direkt nebeneinander liegen. Außerdem sorgen insbesondere begrünte Dächer für eine Entlastung von Kanälen beim Starkregen. Das Wasser wird verzögert abgegeben und in Ballungsräumen mit einem großen Anteil von versiegelten Flächen können so Überflutungen reduziert werden.

Pflanzen brauchen immer Pflege – je nach Art und Klima unterschiedlich viel. Das ist keine Technologie, die mit Beton oder Ziegel verglichen werden kann. Für unsere Aufmerksamkeit belohnen sie uns aber mit ihrem Wuchs und ihrer Blühkraft und tragen zu unserem körperlichen und auch seelischen Wohlbefinden bei.

 

Sie forschen auch zu Begrünungen der Innen- und Außenwände eines Hauses. Wie darf sich ein Laie das System hinter einer begrünten Fassade vorstellen?

Von einer begrünten Fassade spricht man, wenn z.B. Efeu oder andere Kletterpflanzen an einer Hausmauer hinaufwachsen. Das passiert häufig von alleine, wenn die Pflanzen nicht daran gehindert werden.

Der Schwerpunkt unserer Forschung liegt aber bei der Untersuchung von fassadengebundenen Begrünungssystemen. Das ist eine vorgehängte Fassade mit Hinterlüftungsspalt, die keinen direkten Kontakt zur Hausmauer hat (nur über Befestigungselemente). Diese vorgehängte Fassade besteht meisten aus Metall (Tröge oder Kassetten) und ist mit einem Substrat gefüllt, an dem sich die Wurzeln halten können. Die Nährstoffe werden über die Bewässerung automatisch zu den Wurzeln geleitet. In vielen Fällen befindet sich ein nährstoffreiches Substrat in der Fassade, sodass die Pflanzen nur bewässert werden müssen.

 

Welche Vorteile bringt eine begrünte Fassade?

Für die BewohnerInnen wirkt  eine begrünte Fassade wie eine natürliche Klimaanlage und sorgt für ein angenehmes Raumklima. Bei großer Hitze kühlt sie die Hausmauer, da sie direkte Sonneneinstrahlung verhindert, Schatten wirft und vor UV-Strahlung schützt.  An heißen Tagen und Nächten kühlt dieses System das gesamte Mikroklima in der Umgebung.  Sie schützt vor Kälte und Nässe und reduziert somit auch den Heizbedarf im Winter. Außerdem schützt sie die Konstruktion vor Witterungseinflüssen und erhöht dadurch die Lebensdauer einer Fassade.

Begrünte Fassaden mindern die Folgen der zunehmenden städtische Verbauung und des Klimawandels. In stark verbauten Gebieten erhöhen sie wesentlich die Lebensqualität, da sie Staub filtern, CO2 und Lärm mindern, wirken belebend, modern und ästhetisch sind einfach schön anzusehen! Fassadenbegrünungen stärken zudem  die ökologische Artenvielfalt in der Stadt.

 

Wie kann dies mit einer Photovoltaikanlage (PV-Anlage) kombiniert werden?

Vor einer begrünten Fassade können Photovoltaik-Module installiert werden. PV-Module werden üblicherweise an Süd-Fassaden installiert, da hier die Jahreserträge am höchsten sind. Gerade an der Südfassade ist ein wenig Beschattung und Schutz für die Pflanze vorteilhaft. Deshalb unterstützen die PV-Module die begrünte Fassade.

Umgekehrt sinkt der Wirkungsgrad von Photovoltaik bei besonders heißen Temperaturen. Auch hier wirkt die Begrünung positiv: Wenn die Sonne auf die PV-Module scheint und die Umgebung der Hausmauer aufheizt, verdunsten die Pflanzen besonders viel Wasser, sie „evapotranspirieren“. Das kühlt die PV-Module und erhöht ihren Wirkungsgrad.

 

Welche Pflanzen eigenen sich für Innen- und Außenbepflanzung? Ist die Pflege sehr aufwendig? Wie sieht es mit der regelmäßigen Bewässerung aus?

Die Pflege ist normalerweise nicht aufwendig , hängt natürlich von der Pflanzenart und dem System ab.

Die Bewässerung muss regelmäßig sein und wird daher automatisch eingebaut (im System integriert und mit Sensor gesteuert). Am einfachsten geht das mit einer Zeitschaltuhr und einem damit gesteuerten Magnetventil. Je nach Ausrichtung bzw. Beschattung der Umgebung und Jahreszeit müssen die Bewässerungszyklen angepasst werden.

Die Pflanzenwahl wird immer an Standort und Höhe angepasst. Grundsätzlich passen fast alle, auch im gut sortierten Fachgeschäft erhältliche Pflanzen. Wir benutzen viele Gräser, Stauden und Kräuter. Eine gute „Mischung“ macht hier durchaus Sinn: z.B. Katzenminze, Federnelke, Schleifenblume, Schafgarbe  oder Silberblatt-Salbei.

 

Sie haben ein tolles Projekt für Begrünung in einer Wiener Schule realisiert. Was war der Beweggrund?

Wir haben zuerst im Projekt GrünPlusSchule (gefördert von BMVIT/FFG und BIG) eine Altbauschule in den Innenräumen, an der Fassade und am Dach (auch  mit PV kombiniert) begrünt  und erforscht. Derzeit begrünen wir in Rahmen des Projektes GRÜNEzukunftSCHULEN (gefördert von Klima- und Energiefonds/FFG) noch zwei  Neubauschulen und erkunden die Wirkung der Begrünung.

Es war für die Forschung wichtig, großzügige Versuchsanlagen zu errichten. Dabei musste es sich um ein urban liegendes Gebäude handeln. Und in einer Schule können die nachfolgenden Klassen weiterforschen. Außerdem können die Ergebnisse einer breiten Öffentlichkeit (SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern) präsentiert werden. Die Schulen werden passend für das Projekt ausgesucht. Daher haben wir Schulen mit einen ökologischen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt und einem sehr motivierten Lehrer- Direktor- SchülerInnenteam ausgewählt (GRG7 Kandlgasse, BRG16 Schuhmeierplatz und BRG15 Diefenbach Gymnasium). Wir arbeiten viel mit der Schulleitung und Lehrerteam zusammen. So entsteht ein Mehrwert für alle Beteiligten.

 

Wie haben die SchülerInnen und Lehrkörper auf die Idee reagiert?

Ein Großteil des Lehrpersonals ist von dem Projekt begeistert! Besonders LehrerInnen, die naturwissenschaftliche Fächer unterrichten, arbeiten mit ihren Klassen gerne am Forschungsprojekt mit. Zahlreiche weitere Schulprojekte, vorwissenschaftliche Arbeiten und Informationsveranstaltungen runden dann das Gesamtprogramm ab.

 

Welche Ergebnisse konnten Sie aus Ihren Projekten gewinnen?

Innenbegrünungen wirken sich positiv auf die Staubkonzentration, die Lärmminderung, die Luftqualität und die Luftfeuchtigkeit aus. Sie reduziert die CO2-Konzentration in geschlossenen Räumen und filtern belastende Schadstoffe. In den Schulen profitieren SchülerInnen und LehrerInnen vom ausgeglichenen Raumklima, was die Lern- und Konzentrationsfähigkeit wesentlich erhöht und sich auch positiv auf das soziale Miteinander auswirkt.

Begrünung im Freien wirkt sich positiv auf das urbane Klima aus. Außerdem stärkt es die Wärmedämmung der Wand- bzw. Dachkonstruktionen-sowohl im Winter als auch im Sommer.

Die Kombination von Begrünung und PV ist eine sinnvolle Symbiose, die genutzt werden sollte.

Sind begrünte Innenwände in Häusern bzw. Wohnungen schon denkbar?

Das ist denkbar. Prinzipiell ist der Unterschied zu Zimmerpflanzen, wie sie bereits alltäglich sind, nicht besonders groß. An der Wand steht mehr Platz zur Verfügung und der optische Effekt ist toll! Da mehr Platz zur Verfügung steht, werden üblicherweise größere Grünflächen installiert. Das wirkt sich selbstverständlich noch positiver auf das Raumklima aus. Besonders im Winter führt die höhere Luftfeuchtigkeit zu mehr Behaglichkeit und unterstützt die Gesundheit.

 

Was wünschen Sie sich beim (städtischen) Wohnbau für die Zukunft?

Ich würde mir ganzheitliche Betrachtungen wünschen. Es geht nicht darum, die Investitionskosten niedrig zu halten, wenn laufende Kosten, Nachrüstungen oder der Rückbau und Entsorgung sehr teuer sind.  Im städtischen Bereich sollten PlanerInnen darauf achten, dass die Lebensqualität der Allgemeinheit nicht zu stark reduziert wird und die Gemeinkosten nicht stark ansteigen.

Eine Vergrößerung der versiegelten Flächen führt zu höheren Kosten der Kanalbetreiber, weniger Freiräumen und höheren Temperaturen im Sommer. Insbesondere der letzte Punkt verzeichnet in den letzten Jahren extreme Werte. Der Beton und die Steine kühlen in der Nacht nicht mehr merklich aus und das Stadtklima ist während Hitzewellen unerträglich geworden.

Das zeigen auch unsere Untersuchungen im Greening Aspang Projekt (gefördert von Klima- und Energiefonds/FFG), wo wir zwei Sommer lang das Mikroklima eines Straßenzuges in Wien vermessen und detailliert untersucht haben.

Die Anzahl der Hitzetoten steigt und der Strombedarf der Klimaanlagen ebenfalls. Dichte Bauweisen sind aufgrund vieler Aspekte (Mobilität!) wichtig, müssen aber in Zukunft so geplant werden, dass nachhaltige Verdichtung bzw. Vergrößerung der Städte möglich ist. Die notwendige Reduktion der Treibhausgas-Emissionen und das Wachsen der Weltbevölkerung wird zu einem weiteren Wachstum der Städte führen. Es ist deshalb wichtig, dass das Klima in der Stadt verträglich ist, da es den größten Teil der Menschen betrifft. Der Vergrößerung der Städte und die Entwicklung von „Urban Heat Islands“ (Urbane Hitze Inseln) in Kombination mit dem Klimawandel führen nicht nur zu extremen Temperaturen im Sommer, sondern auch zu mehr Klimaanlagen, Staub, Lärm und weniger Lebensqualität.

Eine Technologie, die all diesen negativen Entwicklungen entgegen wirken kann, ist Gebäudebegrünung. Deshalb ist es wichtig, dass auch der Wohnbau der Städten begrünt ist, gut gedämmt wird, Energieeffizienz bietet , keine giftigen Stoffe enthält, einfach umgebaut (entsorgt) werden kann. Es braucht ökologische, flexible, naturnahe Städte, dann sind wir auch in Zukunft alle glücklich. Anderer Wohnbau, der kurzfristig günstig erscheint, wird vermutlich in den kommenden Jahrzehnten große Kosten oder Schaden in den Städten verursachen, den die Allgemeinheit tragen muss.

Mehr zu Projekten der Wohnraumbegrünung finden Sie hier!

(Fotos TU Wien)

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